Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung e.V.

Geschichte der DGAF

Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Arterioskleroseforschung

Günter Siegel, Freie Universität Berlin

Die Arterioskleroseforschung hat in Deutschland eine lange Tradition. Lobstein, Professor an der Medizinischen Universitätsklinik in Straßburg und gleichzeitig Ordinarius für pathologische Anatomie, berichtete vor mehr als 170 Jahren in seinem Lehrbuch der pathologischen Anatomie „von der Verdickung der Arterien, oder der Arteriosklerose“ und führte so den Term ‚Arteriosklerose‘ in die wissenschaftliche Forschung ein. Wertvolle Beiträge zur Geschichte der Arterioskleroseforschung findet man bei Virchow, Roy, Leibowitz, Lauer, Rokitansky, Doerr und Kohn.

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden die Gräber der Pharaonen in den ägyptischen Pyramiden gefunden und geöffnet. Shattock und Ruffer führten Autopsien an Pharaonen und einer großen Anzahl Mumien durch und fanden sklerotische Veränderungen in den Arterien. Diese Befunde sind sehr wichtig, denn sie beweisen, dass die Arteriosklerose nicht erst im Industriezeitalter, sondern schon Jahrtausende zuvor auftrat.

Durch chemische Analyse der sklerotisch veränderten Arterienwand wurden von Gmelin, Tiedemann und Bürger die ‚erdigen‘ Substanzen Kalziumphosphat und -karbonat im arteriosklerotischen Plaque entdeckt, während Virchow in Berlin bereits 1852 die Aufmerksamkeit auf Fettablagerungen in der Gefäßwand gelenkt und die Arteriosklerose als Entzündung eingestuft hatte. Marchand führte den Term ‚Atherosklerose‘ ein und meinte damit vornehmlich einen gesteigerten Lipidgehalt der Arterienwand, der bis heute im Blickpunkt der Arterioskleroseforschung steht.

Von klinischer Seite her beschrieben Heberden und Parry Ursachen und Symptome der Koronarsklerose und Angina pectoris. Von Hammer wurde erstmals der Herzinfarkt intra vitam korrekt diagnostiziert, der bis heute im Zentrum klinischer, epidemiologischer und tierexperimenteller Arterioskleroseforschung steht. Hauss, Kliniker und Gründer des Instituts für Arterioskleroseforschung an der Universität Münster, übernahm dieses Wissen von Morawitz und Hochrein und beschäftigte sich zeitlebens mit dieser Problematik.

Die Entwicklung der Arterioskleroseforschung in Deutschland zeigt, dass die Gründung einer Deutschen Gesellschaft die natürliche Konsequenz einer sich ständig erweiternden Grundlage und eines zunehmenden Interesses an diesem Forschungsgebiet ist. Retrospektiv erscheint es eher erstaunlich, dass die Bildung einer solchen Gesellschaft so spät realisiert wurde, dies umso mehr vor dem Hintergrund, dass jeder zweite Bürger unseres Landes an den Folgen einer Gefäßerkrankung stirbt, der ursächlich eine Arteriosklerose zugrunde lag. Möglicherweise hat erst die Verbreiterung der Forschungsbasis den entscheidenden Anstoß gegeben, um den Facettenreichtum des Erscheinungsbildes ‚Arteriosklerose‘ gleichzeitig von verschiedenen Disziplinen her zu beleuchten. Beispielsweise ist es heute möglich, Gefäßwandzellen von Patienten so zu kultivieren, daß man Arzneimittelwirkungen auf die individuellen Effektorzellen direkt verfolgen kann. Dieser substantielle Fortschritt dient unseren therapeutischen Bemühungen bei der Hemmung der Atherogenese, der Sekundärprophylaxe nach Angioplastien und nach Bypass-Operationen.

Professor Betz, emeritierter Physiologe an der Universität Tübingen, war geistiger Vater, wissenschaftlicher Wegbereiter und einer der Gründer der Deutschen Arteriosklerosegesellschaft. Immer war er an der Struktur, normalen Funktion und Pathophysiologie der Blutgefäße interessiert. Zwei internationale Kongresse zum Thema ‚Vascular Smooth Muscle‘, jährliche Treffen des Tübinger Arbeitskreises für Gefäßerkrankungen und Symposien mit dem European Artery Club vereinigten Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen und mündeten in die Gründungstagung der Deutschen Gesellschaft für Arterioskleroseforschung im März 1987 ein. Die Konferenz zum Thema „Frühveränderungen bei der Atherogenese“ fand wie die folgenden Jahrestagungen am Heinrich Fabri-Institut (Universität Tübingen) in Blaubeuren mit generöser Unterstützung durch den Ehrensenator der Universität Tübingen Adolf Merckle statt.

In den ersten zwei Jahren wurde die Gesellschaft von Betz und Hauss geführt, Grünwald (Münster) war Sekretär und Heinle (Tübingen) Schatzmeister. Seit 1988 stellten Heinle als Sekretär und Schulte (Münster) als Schatzmeister ihre unauffällig wirksame Aktivität, Umsicht, ungeteilte Aufmerksamkeit und Sorgfalt in den Dienst der Gesellschaft. Die Präsidenten wechselten bislang in zweijährigem Turnus: Assmann (Münster), Schaefer (Freiburg), Breddin (Frankfurt), Kaffarnik (Marburg), Siegel (Berlin), Hanefeld (Dresden) und Hahmann (Isny-Neutrauchburg). Im Jahre 1990 wurde die Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung als exklusive nationale Gesellschaft Mitglied der International Atherosclerosis Society. Die aktuelle Mitgliederzahl beträgt 347, wobei die Mehrheit junge Wissenschaftler sind – ein günstiger Faktor, der neue Ideen und intellektuelle Mobilität nicht versiegen lässt.

Eine Gesellschaft hat auch die Aufgabe, glanzvolle wissenschaftliche Leistungen auszuzeichnen. Hier hat die Gesellschaft dem Biologen Kuno Lichtwer zu danken, der den mit 10000 DM dotierten W.H. Hauss-Preis für eine herausragende wissenschaftliche Arbeit, den G. Schettler-Preis (Dotierung 2000 DM) für den besten Vortrag und den E. Betz-Preis (Dotierung 2000 DM) für den besten Posterbeitrag auf unserer Jahrestagung stiftete. Die Preise werden seit 1992 in Folge ausgelobt.

Der ursprünglichen Idee von H.E. Schaefer (Freiburg) folgend und auf Initiative von G. Siegel (Berlin), wurde die Rudolf Schönheimer-Medaille nach dem einzigen existierenden Foto aus seinen Forscherjahren von der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) entworfen und in Biskuitporzellan hergestellt, um große Verdienste um die Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung anerkennen und würdigen zu können. Rudolf Schönheimer, gebürtiger Berliner, musste nach kurzen Forscherjahren in Berlin und Freiburg 1933 nach USA emigrieren, wo er seine bahnbrechenden Arbeiten zur Cholesterinforschung am College of Physicians and Surgeons der Columbia-Universität in New York fortsetzte, wo er im Alter von nur 43 Jahren starb. Aus seiner Arbeitsgruppe gingen später die drei Nobel-Preisträger H.C.F. Dam, V. du Vigneaud und K. Bloch hervor. Die Rudolf Schönheimer-Medaille wurde bislang an die Herren Merckle, Lichtwer, Betz, Breddin und Kaffarnik verliehen. Hier schließt sich der Kreis großer Forscher, Förderer und Persönlichkeiten der Arterioskleroseforschung in Deutschland.

(Stand 2001)