Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung e.V.

Nachruf Prof. Dr. Eckhart Buddecke

buddecke_eckhart_prof_3-1Ganze Generationen von Studierenden der Humanmedizin und Zahnmedizin hat Professor Buddecke in seiner über dreißigjährigen Zeit als aktiver akademischer Lehrer das molekulare und biochemische Rüstzeug für ihre ärztliche Tätigkeit vermittelt und dabei als promovierter Arzt und Facharzt für Laboratoriumsmedizin bewußt die für den ärztlichen Beruf relevanten Schwerpunkte der Medizin herausgearbeitet. Über den Kreis der eigenen Hochschule hinaus wirkte er als Alleinautor von fünf erfolgreichen Lehrbüchern. Was ursprünglich nur der eigenen Vorbereitung auf die tägliche Vorlesung für die Studierenden der Medizin, Zahnmedizin und  Naturwissenschaften diente, gilt heute als Standardwerk. Besonders erfolgreich war das in neun Auflagen erschienene, auch ins Italienische und Spanische übersetzte, Lehrbuch “Grundriss der Biochemie”, das in dieser Zeit das führende Lehrbuch für Studierende der Medizin in Deutschland, Österreich und der Schweiz war und in knapp 300.000 Exemplaren verkauft wurde. Immer wieder wurde Buddecke auf Kongressen und Fachtagungen von Ärzten aus der ganzen Bundesrepublik angesprochen, die sich enthusiastisch über das als “Rote Bibel” bezeichnete Lehrbuch äußerten.

Nach dem Doppelstudium der Medizin und Chemie in Göttingen, wie es die traditionelle Laufbahn eines physiologischen Chemikers befördert, der Promotion 1952 zum Doktor der Medizin, verbrachte Eckhart Buddecke seine ‘Lehr- und Wanderjahre’ als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent und Postdoctoral Fellow am Max-Planck-Institut in Göttingen, an den Physiologisch-Chemischen Instituten der Universität Gießen und Tübingen, am Karolinska Institutet in Stockholm und am Bellevue Medical Center der New York University. 1966 erhielt er den Ruf auf die Ordentliche Professur für Physiologische Chemie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und leitete dieses Institut bis zu seiner Emeritierung 1988. Zusätzlich stand er in den Jahren 1982 bis 1990 dem Institut für Arterioskleroseforschung an der Universität Münster als Direktor vor. Neben dem Thomae-Forschungspreis wurde Professor Buddecke 1992 mit der Linser-Medaille und 2002 mit der Rudolf Schönheimer-Medaille ausgezeichnet. Während dieser intensiven Forscherjahre war er Gründer, Projektleiter und Sprecher der Sonderforschungsbereiche „Mesenchymforschung” und “Intra- und interzelluläre Erkennungssysteme”, der Studiengruppe “Glykokonjugate”, Gutachter zahlreicher internationaler Journale sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Fachgebiete Biochemie und Pathobiochemie und mehrere Sonderforschungsbereiche.

2003 gründete er die Eckhart-Buddecke-Stiftung zur Förderung der Medizinischen Grundlagenforschung. Die Stiftung vergibt aus den Erträgen des Stiftungskapitals, das Buddecke aus den Tantiemen für seine Lehrbücher aufbrachte, jährlich den “PRO-SCIENTIA-Förderpreis” in Höhe von 10.000 € an deutsche Wissenschaftler, die sich mit einer hochrangigen, übernational beachteten wissenschaftlichen Veröffentlichung auf dem Gebiet der medizinischen Grundlagenforschung bewerben können. Buddeckes Erkenntnistrieb, Wissensdurst und Fachkompetenz, gepaart mit dem sicheren Blick für Funktion und fachübergreifende Zusammenhänge, manifestieren sich in mehr als 250 Publikationen in renommierten Fachzeitschriften. Für sein Lebenswerk wurde Professor Buddecke 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Heute, da der Klang der Journale und ihre Impact-Faktoren den Wissenschaftsfortschritt signalisieren, möchte ich doch, wenn auch notwendigerweise verkürzt, auf den inhaltlichen Zuwachs unseres Wissens eingehen. Buddecke gelang erstmals der Nachweis von Zink im Tapetum lucidum des Auges und die Aufklärung der Struktur des Zn-organischen Komplexes Zn-Cysteinmonohydrat. Ihm gelang die erste elektronenmikroskopische Darstellung eines Proteoglykanmoleküls, des Aggrecans. Ihm gelang erstmals, zusammen mit Annette Schmidt, die Charakterisierung und Strukturaufklärung der Heparansulfatoligosaccharide, die die Proliferation der arteriellen glatten Muskelzellen hemmen und damit  auf zellulärer Ebene das Risiko der Arteriosklerose reduzieren. Proteoheparansulfat, das Buddecke als eines der am besten konservierten Proteine in der Evolutionshistorie bezeichnete, seine Chemie, Physikochemie und Pathobiochemie in seiner Wertigkeit im Rahmen physiologischer Funktionen und krankhafter Entwicklungen mesenchymaler Organe und der extrazellulären Matrix erkannt zu haben, ist sein großes Verdienst. Liebe Leser, gestatten Sie mir an dieser Stelle eine persönliche Anmerkung. Als Buddecke mir, der ich ihn von seinen Lehrbüchern und Vorträgen her als großen Bindegewebsexperten und  Proteoglykanforscher kannte und bewunderte, 1989 bei einer Diskussion über Heparansul2 fat-Proteoglykan als Flußsensor dessen mögliche Konformation als Zufallsknäuel in seiner unkomplizierten Art und mit dem überragenden Verständnis für physiologische Funktion schnell skizzierte, war dies Keim für eine fruchtbare Zusammenarbeit über viele Jahre bis in die jüngste Zeit hinein, für die ich immer sehr dankbar war.

Neugier, Erfolg, Freude und Begeisterung an seiner Arbeit, gepaart mit fachlicher Kompetenz und menschlicher Ausstrahlung, ließen ein fruchtbares Klima und kreatives Umfeld entstehen, das vielen seiner Schüler eine erfolgreiche Karriere in Hochschule, Krankenversorgung und Industrie ermöglichte. Sich selbstlos für ihre Belange einzusetzen und sie individuell zu fördern, war für Buddecke eine Selbstverständlichkeit. Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Eigenschaften hat Professor Buddecke äußere Anerkennung und Ehren in seiner unprätentiösen Art und Bescheidenheit nie gesucht. Bei der Übernahme von Aufgaben und bei der Mitarbeit in wissenschaftlichen Akademien und Gesellschaften ‘ging es stets um die Sache’. In seinem Traktat “Utopisches Denken in der Biochemie” schreibt Buddecke: “Es ist auch für die Biochemie kein müßiger Denksport, Utopien zu konstruieren, sondern schlechthin eine unabdingbare Notwendigkeit, praktikable Anwendungsmöglichkeiten zu finden, die den Menschen zu einer optimalen Nutzung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Fortschritte und zu einer Lösung aller Probleme befähigt, die ihm die Welt von morgen aufgibt”. Sein Erkenntnistrieb und sein Mut, immer neue wissenschaftliche Herausforderungen aufzugreifen und zu meistern, halfen ihm bei der Suche nach solchen Lösungen. Buddecke formulierte weiter: “Der Wissenschaftler wird gut daran tun, sich in einem Bereich zu bewegen, der durch beweisbare und verwertbare Naturgesetze abgesteckt ist. Nur dann werden seine  Entwürfe realistisch und dem Menschen und seiner Welt von Nutzen sein”. Jetzt möchte ich mit einem Wort von Johann Wolfgang von Goethe aus seinen Gedanken “Von der Höflichkeit des Herzens” schließen: “Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie sind von der Art, daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrücken”. Professor Buddecke hat nach diesen Maximen stets gelebt.

Die deutsche Ärzteschaft trauert um Univ.-Prof. Dr. med. Eckhart Buddecke, langjähriger Direktor des Instituts für Physiologische Chemie und Pathobiochemie sowie des Instituts für Arterioskleroseforschung der Universität Münster, der am 03. August 2016 im Alter von 93 Jahren verstorben ist.

 

G. Siegel
Charité, Berlin

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Dieser Artikel wurde am 30.11.2016 in der Kategorie Aktuelles veröffentlicht.